Ein Kon­zert gegen das Peri­oden-Tabu: Dia­lo­gue with a rose

von Alexandra
Alexandra Vildosola, Dialogue with a rose, Konzert über Periode, Konzert über Menstruation, Perioden-Tabu, Periodentabu, Menstruationstabu, Sängerin, klassische Musik, Streichquartett, Komponist, Rose Symbol Vulva, Rose Symbol Menstruation, Periode Tabu, Menstruation Tabu, Konzert, Konzertdesignerin, Vulvani

„Be a lady they said“, ein Gedicht von Camille Rain­ville ging durch ein Video der Schau­spie­le­rin und Poli­ti­ke­rin Cyn­thia Nixon die­ses Jahr viral. Frau­en­bil­der wer­den in Frage gestellt – und damit auch unsere Gesell­schaft selbst. Ich nehme das als junge Künst­le­rin und Femi­nis­tin über­all um mich herum wahr. Bil­dende Kunst, Foto­gra­fie, Lite­ra­tur, Schau­spiel, Musik und Medien: alle möch­ten zeit­ge­mäß mit­re­den – ich natür­lich auch – und initi­ie­ren einen Dia­log zu einem Thema zwi­schen Stolz und Scham: Frau sein. Und somit auch gegen das Perioden-Tabu.

Peri­oden-Tabu: Rose als Sym­bol für Menstruation

Doch wie steht es um die klas­si­sche Musik? Das habe ich stu­diert und die­sem Genre habe ich mich ver­schrie­ben. Doch trans­por­tiert mein klas­si­sches Reper­toire nicht ein bestimm­tes Frau­en­bild, dem ich mich eigent­lich ent­ge­gen­stel­len möchte? Wie ste­hen Musi­ke­rIn­nen heute dazu? Vor allem als Sän­ge­rin möchte ich eine Posi­tion fin­den, weil wir kon­kret mit ver­ton­tem Text arbei­ten. Im klas­si­schen Lied ist die Frau eine „Mäd­chen­blume“, ein „der Rose glei­ches“, mär­chen­haft schö­nes Mäd­chen: jung­fräu­lich rein, brav, anstän­dig und vor allem STILL. 3000 Jahre Patri­ar­chat prä­gen die­ses Bild des mund­tot gemach­ten weib­li­chen Geschlechts. Und dabei ist die Rose ein Sym­bol für die Vulva oder gar die Mens­trua­tion. „I have my flower/ fleur“ bezieht sich immer noch direkt auf die monat­li­chen Blu­tung. Doch dar­über wird eben nicht gespro­chen. Weib­li­che Sexua­li­tät und beson­ders die Mens­trua­tion wer­den aus dem Bewusst­sein ver­bannt. Wir benut­zen diese wun­der­schö­nen Bil­der wei­ter und pro­gram­mie­ren die Infor­ma­tion dahin­ter um. 

Sexis­mus in der Klassik

In mei­nem Beruf habe ich es häu­fig mit Sexis­mus zu tun, mit sexu­el­ler Beläs­ti­gung am Arbeits­platz und mit einem Man­gel an Soli­da­ri­tät unter den Frauen, außer es geht um soli­da­ri­sches Schwei­gen. Das ist die Klas­sik-Blase und wer nicht mit­ma­chen möchte, muss eben gehen. Modern insze­nie­ren, heißt hier noch den Böse­wicht als Hit­ler zu ver­klei­den oder nackte Brüste und ein paar umge­drehte Kreuze zu zei­gen, – und wem das zu extrem ist, der hört sich eben den 200. Lie­der­abend zum Thema „Liebe und Lie­be­leien“ an. Ich fühle mich oft mund­tot in die­sem Geschäft. 

Alexandra Vildosola, Dialogue with a rose, Konzert über Periode, Konzert über Menstruation, Perioden-Tabu, Periodentabu, Menstruationstabu, Sängerin, klassische Musik, Streichquartett, Komponist, Rose Symbol Vulva, Rose Symbol Menstruation, Periode Tabu, Menstruation Tabu, Konzert, Konzertdesignerin, Vulvani

Mit klas­si­scher Musik gegen das Perioden-Tabu 

Als Mara und ich vor ca. 1,5 Jah­ren anfin­gen, über die­ses Kon­zept zu spre­chen, began­nen wir sofort mit dem Bild der Blume zu spie­len. Die talen­tierte und gebil­dete Sän­ge­rin ver­traute mir näm­lich an, dass sie sich auf ihr anspre­chen­des Äuße­res redu­ziert fühlt. Also stell­ten wir ein Reper­toire zusam­men, das genau das erzählt: Haupt­sa­che eine junge Frau ist hübsch. Doch statt still­schwei­gend hübsch zu sein, spricht sie auch. Sie spricht über kleine Bluts­trop­fen auf dem Fuß­bo­den, übers „geil“ wer­den, über die Mys­tik der Weib­lich­keit und über die krea­tive Kraft, die in unse­rem Zyklus liegt. 

Auf der Bühne ist sie aber nicht alleine, musi­ka­lisch und sze­nisch wird sie von einem Streich­quar­tett, bestehend aus vier jun­gen Musi­ke­rin­nen, beglei­tet. (Rich­tig, wir haben nur fünf Frauen auf der Bühne. Trotz­dem fin­den wir nicht, dass Mens­trua­tion nur ein Frau­en­thema ist. Das siebte Mit­glied unse­res Teams ist ein Mann. Und der stu­dierte Gynä­ko­loge brennt genauso für das Thema wie wir. ) 

Ein Kon­zert über Mens­trua­tion und die Reaktionen

Als ich mei­ner Mut­ter vor über einem Jahr erzählt habe, dass ich ein Kon­zert zum Thema Mens­trua­tion mache, war ihre Ant­wort: „Oh bitte nicht“. Das war das Zei­chen für mich, dass Rede­be­darf besteht. Ein Jahr spä­ter gab auch sie mir ein Inter­view. Es gibt einen Unter­schied zwi­schen „nicht mit jedem dar­über reden wol­len“ und „nichts davon wis­sen wol­len“. Jeder Mensch hat auf die eine oder andere Weise mit der Mens­trua­tion zu tun und doch kennt eine von fünf High School Schü­le­rin­nen keine drei Erwach­se­nen, an die sie sich mit einem Pro­blem wen­den kann. Das Peri­oden-Tabu sitzt tief.

Peri­oden-Tabu nur in ande­ren Ländern?

Wir alle haben schon „Hor­ror­ge­schich­ten“ aus „fer­nen“ Län­dern und Kul­tu­ren gehört. Dort ist die „Mens­trua­tion“ tabu – aber bei uns doch nicht. Wir könn­ten hier gleich ein wei­te­res Thema hin­zu­fü­gen: der „Kolo­nia­lis­mus“ in unse­rer erha­be­nen Kul­tur. Doch auch in unse­rer auf­ge­klär­ten, west­li­chen Welt gibt es sie, die Dinge, über die ein­fach nicht gespro­chen wird und scho­ckie­rende Geschich­ten von Mäd­chen, die mit Blut, hor­mo­nel­lem Chaos und Schmer­zen hin­ter ver­schlos­se­nen Bade­zim­mer­tü­ren alleine gelas­se­nen werden. 

Bühne frei für Mens­trua­tion: Ein­bli­cke in das Konzert

Alexandra Vildosola, Dialogue with a rose, Konzert über Periode, Konzert über Menstruation, Perioden-Tabu, Periodentabu, Menstruationstabu, Sängerin, klassische Musik, Streichquartett, Komponist, Rose Symbol Vulva, Rose Symbol Menstruation, Periode Tabu, Menstruation Tabu, Konzert, Konzertdesignerin, Vulvani

Tam­pon­wun­der­welt als Konzertdesign 

Ich bin Kon­zert­de­si­gne­rin. In mei­nen Kon­zer­ten spie­len alle Sin­nes­wahr­neh­mun­gen eine Rolle. Ich mache mir auch sol­che Gedan­ken wie: Mit wel­cher Stim­mung kommt der/die Kon­zert­be­su­che­rIn in den Kon­zert­raum und wie sen­si­bi­li­siere ich sie für meine Kunst? Wir machen also nicht schöne, klas­si­sche Musik und reden dazwi­schen über Mens­trua­tion. Es ist mehr: Das Publi­kum betritt eine Tam­pon­wun­der­welt. Der Raum wird 30 Minu­ten lang in einer Klang- und Raum­in­stal­la­tion zum Mär­chen­land. Alles ist weiß, rein und augen­schein­lich mens­trua­ti­ons­frei. Son­nen­licht glit­zert in wei­ßem Tüll­stoff und aus jeder Ecke des Rau­mes drin­gen Fet­zen von Tam­pon­wer­bung – „female Empowerment“? 

Ein Chor gegen das Perioden-Tabu

Wenn das Saal­licht aus­geht, beginnt die Men­ar­che. Ich nenne die­sen Kon­zert­teil „Erblüht“. Zwi­schen den Stü­cken erzäh­len aber nicht nur die fünf Musi­ke­rin­nen auf der Bühne schöne und erschre­ckende Geschich­ten rund um die erste Blu­tung. In elek­tro­ni­schen Sound­s­capes ent­steht rund um das Publi­kum ein Chor der Mens­trua­tion, den ich aus ver­schie­de­nen Inter­views gebaut habe. Meine Inter­view­part­ne­rin­nen wer­den im Laufe des Kon­zer­tes immer wie­der zu Wort kom­men (Anmer­kung der Redak­tion: Auch Britta war eine der Inter­view­part­ne­rin­nen für das Kon­zert). Außer­dem neh­men wir uns die Zeit, ein wenig Mens­trua­ti­ons­auf­klä­rung zu betrei­ben. Wir spre­chen also von lie­be­vol­len Eltern, Mens­trua­ti­ons­be­schwer­den und den gro­ßen Lügen unse­rer Gesellschaft. 

Von Scham über­spült und zum Tabu gemacht

Im zwei­ten Teil wer­den die fünf Musi­ker von Scham „über­spült“. Wir stel­len auf der Bühne die über­grif­fige Gesell­schaft sowie das scham­ge­beugte Opfer dar. Und am Ende wird ersicht­lich, dass das hier oft die glei­chen Per­so­nen sind. Die vier Musi­ke­rin­nen ver­su­chen Mara zum Schwei­gen zu brin­gen, ihr Scham bei­zu­brin­gen und schreien ihr schließ­lich den Namen des Blo­ckes ent­ge­gen: „Bede­cke dich“. Im drit­ten Teil „Ver­blüht?“ wird es dann mys­tisch. Die Mens­trua­tion ist kul­tur­ge­schicht­lich der Beginn allen Lebens, eine Quelle von Magie, Mys­tik, Ver­stand und Über­sinn­lich­keit. Doch die Bil­der der Mens­trua­tion wur­den ver­teu­felt und je hei­li­ger etwas im Matri­ar­chat war, desto gefähr­li­cher war es für das Patri­ar­chat. Die hei­lige Mens­trua­tion „tapua“ wird also zum Tabu. 

Das Kos­tüm als Herzstück 

Der letzte Block ist mein Resü­mee. Ich kann mich als poli­ti­sche Akti­vis­tin, mys­ti­sche Göt­tin mei­ner eige­nen Mens­trua­tion oder nur als Frau sehen, die sich mit sich selbst aus­kennt. Dar­aus resul­tiert eine stär­kere Frau und letzt­end­lich eine gesün­dere Gesell­schaft. Lass dir von nie­man­dem sagen, wie du zu sein hast. Statt eines „good girls“ sei ein „good to yourself girl“. Herz­stück die­ses Kon­zer­tes ist aber das Kos­tüm. Unsere Sän­ge­rin Mara betritt im Ball­kleid und Glit­zer­cape die Bühne. Doch im Laufe des Kon­zer­tes wird sie Stück für Stück aus­ge­zo­gen, ent­blößt sich selbst und beginnt die Mens­trua­tion sicht­bar wer­den zu las­sen. Die vier Lagen des Kos­tüms haben wir gemein­sam mit einer Kos­tüm­schnei­de­rin genau so desi­gned, dass Mara nach und nach auf der Bühne „ent­bun­den“ wird und im über­tra­ge­nen Sinne die Fes­seln der Gesell­schaft ablegt. Die feen­glei­che Mär­chen­prin­zes­sin steht am Ende in Unter­wä­sche vor dem Publi­kum und ver­birgt weder ihren Kör­per, noch ihre Menstruation. 

Klas­si­sche Lie­der, elek­tro­ni­sche Kom­po­si­tio­nen und Jazzelemente

Es gibt aber nicht nur klas­si­sche Lie­der zu hören. Die Sound­s­capes ent­wi­ckeln sich zu elek­tro­ni­schen Kom­po­si­tio­nen und immer wie­der tau­chen in Impro­vi­sa­tion und Wer­ken von Mag­diel Bap­tis­tin Vail­lant Jazz­ele­mente auf, um mit dem klas­si­schen Reper­toire zu bre­chen. Die Licht­stim­mun­gen und die Posi­tio­nen der Musi­ker im Raum unter­stüt­zen diese Stim­mungs­wech­sel zusätzlich. 

Musik kann nicht ohne Kon­text existieren

Am Ende haben wir nicht die EINE Lösung, aber Ideen, Gedan­ken und vor allem ein Gespräch über das Peri­oden-Tabu. Denn auch das klas­si­sche Musik­busi­ness hat die Auf­gabe, Dinge in Frage zu stel­len. Musik kann nicht ohne Kon­text exis­tie­ren. Denn KEINE Insze­nie­rung ist auch eine Art von Insze­nie­rung. Und auch, wenn das gerade in die­sen Zei­ten in Frage gestellt wird: genau des­halb ist Kunst sys­tem­re­le­vant. Jedes mal wenn wir als Künst­le­rIn auf die Bühne gehen, bekom­men wir diese Bühne auch, um mit unse­rem Publi­kum zu kom­mu­ni­zie­ren. Bis­her hat­ten wir aller­dings noch nicht die Gele­gen­heit mit „dia­lo­gue with a rose“ auf die Bühne zu gehen. Coro­nabe­dingt sind hier schon zwei Ver­su­che geschei­tert. Doch Ende Novem­ber durf­ten wir im Finale des Kon­zert­kon­zept­wett­be­wer­bes d-bue.de das Kon­zert fil­men. Im nächs­ten Jahr wol­len wir dann end­lich live unser Mens­trua­ti­ons­kon­zert prä­sen­tie­ren und bekom­men hof­fent­lich die Gele­gen­heit, an unter­schied­li­chen Orten zu gastieren. 

Klas­si­sche Musik zur Bot­schaf­te­rin gegen das Perioden-Tabu

Auf jeden Fall ist unser Team, bestehend aus dem Streich­quar­tett (Laura Ion, Myriam Geßen­dor­fer, Lilia Rubin, Kiara Kon­stan­tinou), der Sän­ge­rin (Mara Maria Möritz), dem Kom­po­nis­ten (Mag­diel Bap­tis­tin Vail­lant) und mir als künst­le­ri­sche Lei­te­rin Feuer und Flamme für unser ers­tes Mens­trua­ti­ons­kon­zert, in dem klas­si­sche Musik zur Bot­schaf­te­rin einer neuen Frau­en­fi­gur und gegen das Peri­oden-Tabu wird. 

Veröffentlicht am 15. Dezember 2020
Kühn, wild, existentiell – so macht Alexandra Vildosola Konzerte, ständig auf der Suche nach Orten, Themen und Musik, die als Gesamtkunstwerk Konzerterleben provozieren. Die Wahlberlinerin möch te nichts verpassen - Literatur, Kultur, Politik und ihre Welt, denn daraus macht sie Konzerte. Alexandra Vildosola hat klassischen Gesang an der HfM in Nürnberg studiert und beginnt nun die experimentelle Musikbranche als Konzertdesignerin zu erforschen. | Webseite | Facebook | Instagram

Unsere Lesetipps für dich:

Peri­ode im anti­ken Grie­chen­land: Was war anders?

Peri­ode im anti­ken Grie­chen­land: Was war anders?

Die Periode war schon immer Teil des menschlichen Lebens und damit auch Teil der Geschichte. In meinem letzten Artikel schrieb ich bereits über einen Periodenmythos aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Diesmal möchte ich einen anderen Teil der Geschichte erforschen, in...

Mens­trua­tion, gesell­schaft­li­che Tabus und Diskriminierung

Mens­trua­tion, gesell­schaft­li­che Tabus und Diskriminierung

Menstruation ist ein Thema, das unabhängig von Kultur, Religion, Gesellschaft, Land und manchmal auch Geschlecht alle Menschen weltweit betrifft. Wenn die Hälfte der Weltbevölkerung monatlich blutet, warum fühlt es sich dann oft paradoxerweise so einsam, unangenehm...

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Pin It on Pinterest